Tell Chuera - Eine Einführung
Der Tell Chuera befindet sich in Nord-Syrien, in der Provinz Raqqa. Er liegt ca. auf halbem Weg zwischen dem Balikh und Khabur, 5 km von der türkischen Grenze entfernt (Karte 1) und gehört zu den sog. Kranzhügeln Nordmesopotamiens. Diese Hügel zeichnen sich durch eine auffällige Topographie aus, indem sie eine kreisrunde große Oberstadt besitzen, um die sich ein relativ schmaler Kranz einer Unterstadt legt. Der Tell Chuera gehört mit 66 ha zu einem der größten dieser Art Siedlungshügel, die sich auf den westlichen Teil der syrischen Jazira (arab.: „Insel“ zwischen Euphrat und Tigris) beschränken.
Seit 1955 finden auf dem Tell Chuera Grabungen statt. Diese standen von 1958 bis in die Mitte der 80er Jahre unter Leitung von Anton Moortgat und Ursula Moortgat-Correns (Berlin, Moortgat – Moortgat-Correns versch. Jahre) und wurden dann von Winfried Orthmann (Saarbrücken/Halle) weitergeführt (s. Webseiten Tell Chuera der Universität Halle). Seit 1997 liegt die Grabungsleitung auf dem Tell Chuera in den Händen von Jan-Waalke Meyer (Frankfurt/Main, Meyer 2010; Webseite Tell Chuera der Universität Frankfurt).
In sechs Kampagnen zwischen den Jahren 1963 und 1983 arbeiteten U. Moortgat-Correns und ihre Mitarbeiter in einem Bereich, der nach dem Befund in den obersten Schichten als Bereich des "Kleinen Antentempels" bezeichnet wurde (kurz Bereich K). Dieser stellt nur einen Bereich unter vielen anderen auf dem Tell Chuera dar, ist aber derjenige, der Inhalt des Tübinger Grabungsprojektes wurde. Alle dort aufgedeckten Architekturbefunde wurden als zu einem Tempelbezirk gehörig interpretiert (Moortgat – Moortgat-Correns versch. Jahre). Unter der Leitung von Peter Pfälzner (Tübingen) fanden 1995 und 1997 erneut Grabungen im östlichen Teil des Bereiches K als Teilprojekt innerhalb der von Winfried Orthmann geleiteten Forschungsarbeiten statt (Dohmann-Pfälzner – Pfälzner 1996). 1996 leitete Winfried Orthmann selbst einen Grabungsabschnitt im westlichen Teil desselben Gebietes.
Die 1995-1997 erneut stattfindenden Grabungen im Bereich "Kleiner Antentempel" waren Teil des von Peter Pfälzner verfolgten Forschungsprojektes "Die Urbanisierung im dritten Jahrtausend v. Chr. in Nordmesopotamien". Sie sollten weiteren Aufschluss über die Art der Anlage und Entwicklung der im Tell Chuera verborgenen alten Stadt und die damit in Zusammenhang stehenden Urbanisierungsprozesse geben. Dazu sollten drei Schwerpunkte untersucht werden:
1. die Anlage eines Wohnviertels innerhalb der Stadt
2. das Wegesystem
3. die Gestaltung des Stadtzentrums
Verschiedentlich wurde angenommen, dass es sich bei der Architektur des Bereiches K nicht um einen Tempelkomplex handelt, dem alle freigelegten Häuser angehören, sondern dass der Kleine Antentempel der von U. Moortgat-Correns freigelegten Schichten 1 bis 4 ein Heiligtum inmitten eines Wohnviertels darstellt. Mit dieser Annahme und seiner relativ zentralen Lage bot sich der Bereiches K als Untersuchungsobjekt im Rahmen des genannten Forschungsprojektes an. Er wurde auf einer relativ großen Fläche und in angemessener Tiefe untersucht, um die funktionale Ausprägung der Architektur zu verstehen und diese auch in ihrer Entwicklung über einen längeren Zeitraum verfolgen zu können. Da schon in den Grabungen vor 1983 die Unterteilung der Architektur durch parallel verlaufende Gassen festgestellt wurde, bestand auch die Möglichkeit das Wegesystem ausgehend von diesem Bereich zu untersuchen. Geomagnetische Prospektionen sollten die Verfolgung dieser Gassen ermöglichen. Von den Grabungsarealen im Häuserviertel K wurden Schnitte nach Norden in das Stadtzentrum hinein angelegt, um den dritten Teil der Fragestellung zu beantworten.
Im Verlauf der Grabungen von 1995-1997 wurden elf architektonische Schichten unterschieden, die sich wiederum in verschiedene Bauphasen unterteilen. Als Kriterium der Unterscheidung in Architekturschichten galten strukturelle Veränderungen der Häuser; kleinere architektonische Veränderungen oder alleinige Erneuerungen der Fußböden wurden als Bauphasen definiert. Aufgrund der Ausstattungen der Gebäude mit Installationen wie Brotbacköfen, Herdstellen, Lehmregalen, Lehmablagen, Gefäßständern, Mahltischen usw. konnte geschlossen werden, dass es sich bei allen Häusern der hier aufgedeckten Schichten 5-11 um Wohnhäuser handelt. Von den in vielen Räumen vorhandenen Lehmpodesten wird angenommen, dass sie Hauspodeste darstellen, die im Rahmen eines Haus- oder Ahnenkultes genutzt wurden. Es handelt sich bei den Gebäuden um relativ kleine Häuser.
Alle Schichten des Häuserviertels datieren in das dritte vorchristliche Jahrtausend, wobei die älteste Schicht 11 zur Früh-Jazira II-Zeit gehört. Die Aufgabe des Häuservirtels fällt zusammen mit der Aufgabe der gesamten Stadt in die Periode Früh-Jazira IV (Chronologie-Tabelle).
In den Schichten 5-8 bestanden im südlichen Teil des Bereiches K zwei Gebäude, die zum Typ der Parzellenhäuser gerechnet werden können (Haus III und IV, Planum 1). Als Parzellenhäuser können Wohnhäuser bezeichnet werden, die eine bestimmte Frontbreite zur Gasse hin besitzen. In verschiedenen Städten des dritten Jahrtausends in Nordmesopotamien konnte dieses Phänomen ausgemacht werden. Die Maße der Frontbreite der Häuser entsprechen sich dabei in allen Siedlungen und ergeben drei Gruppen von Häusern mit unterschiedlicher Größe (Pfälzner 2001). P. Pfälzner nimmt an, dass hierin ein hohes Maß an administrativer Kontrolle zum Ausdruck kommt: Parzellen mit einer bestimmten Größe wurden an Familien zum Hausbau verteilt.
Auch die Hausgrundrisse wiederholen sich. Ein seitlicher Eingangskorridor mit Entwässerungsrinne führt auf einen hinteren Hof. Über diesen gelangt man in den neben dem Korridor, ebenfalls an der Gasse gelegenen Hauptraum des Hauses.
Das Haus IV wird in der beschriebenen Weise in der Schicht 8 angelegt, das Haus III dagegen erst in der Schicht 7. Die Parzellenhäuser in Tell Chuera entstanden somit nicht völlig gleichzeitig.
Die älteren Wohnhäuser darunter (Häuser XVIII und XIX) weisen andere Grundrisse auf, halten sich aber schon an die in den späteren Häusern festgestellten Parzellenbreiten. Der Eingangkorridor befindet sich in der Mitte (Haus XVII) oder an der Seite (Haus XIX). Er führt wie bei den späteren Grundrissen der Häuser III und IV in einen hinteren Hof. Der Hauptraum liegt aber im hinteren Teil der Häuser. Die Räume zur Gasse hin sind Räume mit Brotbacköfen, Vorratsräume ö. ä. Auffällig waren die anderen Ziegelmaße der Mauern im Vergleich zu den späteren Schichten. Auch die Keramik veränderte sich ab der Schicht 8. Diese Umstände führten dazu, eine neue Phase des Tell Chuera zu definieren: Chuera IB (Choronologie-Tabelle).
Die nördlich des Hauses III bzw. XVIII liegenden Gebäude I a,b und II a,b weisen über alle Schichten unregelmäßigere Grundrisse auf. Sie liegen am Rand des erfassten Wohnviertels, wo ein eventuell auftretendes Platzproblem die Verschiedenheit der Hausgrundrisse verursacht haben könnte. Die nördlichen Mauern der Häuser Ia und Ib bilden gleichzeitig die Abschlussmauern des Wohnviertels zum Stadtzentrum hin.
Direkt nördlich dieser Mauern wurde ein Schnitt angesetzt, der über 30 m in das Stadtzentrum hineinlief. Dort wurden über eine Tiefe von 9 m Ascheablagerungen abgegraben, bevor die ersten Befunde erreicht wurden: eine unbebaute Platzfläche (Profil 1). Unter der Platzfläche fanden sich Schichten mit Keramik, die in das vierte Jahrtausend datiert. Zwischen diesen unteren Schichten und der Anlage des Platzes im Zentrum der Stadt des dritten Jahrtausends ist eine Siedlungsunterbrechung zu verzeichnen. Damit wurde klar, dass der im Zentrum der Stadtanlage erreichte Platz zu Beginn des Dritten Jahrtausends angelegt wurde und die ursprüngliche Zentrumsgestaltung darstellt.
Im direkt an den Nordmauern der Häuser Ia und Ib herunterlaufenden Südprofil dieses in das Stadtzentrum hineinführenden Schnittes ist zu erkennen, dass über den gesamten Zeitraum von der Anlage des Platzes bis zur obersten Schicht im Wohnviertel K die Häuser durchweg an derselben Stelle an das Stadtzentrum grenzten. Die Bebauung hatte sich nie weiter nach Norden in das Stadtzentrum hineingezogen (Profil 2). Damit bestand über einen langen Zeitraum hinweg ein großer Platz an dieser Stelle, der bewusst freigehalten wurde (die Mächtigkeit der Ablagerung gegenüber dem sich hochwachsenden angrenzenden Wohnviertel blieb lange Zeit gering). Erst ab einem bestimmten Zeitpunkt im Bestehen der Stadt, begannen die Einwohner ihre Abfälle im Stadtzentrum abzulagern. Dieses muss zu diesem Zeitpunkt seine ursprüngliche Funktion, für das es ursprünglich freigehalten wurde, eingebüßt haben.
Ca. 20 m vom Wohnviertel entfernt verlief eine Straße in Ost-westlicher Richtung über den zentralen Platz. Als die Ascheschichten, die vom Wohnviertel ausgehend in das Stadtzentrum hineinreichend der Straße sehr nahe kamen, wurde eine Schutzmauer vor dieser errichtet. Im Gegensatz zum Platz war diese Straße noch in Benutzung.
Die im Wohnviertel K freigelegten Gassen führen von Süden auf das Stadtzentrum zu. Bei der Gasse A (Planum 1) wurde nachgewiesen, dass es einen kleinen Durchstieg von dieser Gasse über die Abschlussmauer des Siedlungsviertels nach Norden in das Stadtzentrum hinein gab. Im Profil ist abzulesen, dass sich die Ascheschüttungen ausgehend von dieser Stelle in das Stadtviertel hinein ablagern. Man kann dieses Ende der Gasse als Müll-Abkippstelle der Bewohnerschaft bezeichnen. Die geomagnetische Prospektion ergab, dass der Tell Chuera mit einem System radial angeordneter Gassen überzogen war, die sich alle vom Stadtäußeren auf das Stadtzentrum ausrichten. Verbunden sind diese durch weitere quer gelegte, in Kreisen angeordnete Verkehrswege.
Zusammenfassung
Die verschiedenen in den Untersuchungen auf dem Tell Chuera erfassten Aspekte deuten auf einen hohen Grad an administrativer Leitung und Kontrolle innerhalb der im dritten Jahrtausend auf dem Tell Chuera vorhandenen Stadt hin.
Einerseits wurde im Zentrum der Stadt ein ovaler Platz angelegt, der einer bestimmten, über einen langen Zeitraum hinweg verfolgten Funktion gedient haben muss, da über einen relativ langen Zeitraum hinweg darauf geachtet wurde, diesen Platz freizuhalten. Von der Straße, die in Ost-West-Richtung verlaufend auf diesem erfasst wurde, ist anzunehmen, dass sie den Tempelkomplex (Bereich B) im Osten mit dem Palast (Bereich F) im Westen verband. Um den Platz herum legten sich Häuserviertel (z. B. Bereich K). Die Häuser dieser Viertel endeten bis zur Aufgabe der Siedlung am Ende des dritten Jahrtausends an ca. derselben Linie am Rande des zentralen Platzes. Hier äußert sich in der Gesamtanlage der Stadt ein bemerkenswerter Hinweis auf zentralisierte Planung.
Die Wohnhäuser selbst sind auf Parzellen gebaut, die ein standardisiertes Maß ihrer Breite zu den angrenzenden Gassen hin aufweisen, was in Richtung einer Parzellenverteilung an die Bevölkerung der Stadt gedeutet wird. Dies ist der Fall über alle freigelegten Schichten innerhalb des Bereiches K hinweg. (Gleiche Häuser mit gleichen Gassenfrontbreiten sind auch in einem anderen Wohnviertel – Bereich H – festgestellt worden). Auch dieser Aspekt der Grundstücksparzellierung weist auf ein hohes Maß an öffentlicher Kontrolle hin. Allerdings sind keine Häuser in den Schichten erreicht worden, die mit der Zeitspanne korrelieren, in der der Platz im Zentrum der Stadt seiner ursprünglichen Funktion diente. Alle freigelegten Häuser datieren in die spätere Phase, in der der Platz als Müllhalde fungierte.
Ähnlich verhält es sich mit dem Gassensystem. Dieses konnte nur für die spätere Zeit des Bestehens der Stadt untersucht werden. Da die Gassen aber im ausgegrabenen Stadtviertel über alle Schichten hinweg immer an derselben Stelle bestehen blieben, ist von einer großen Kontinuität hinsichtlich der Verkehrswege auszugehen. Die Gleichmäßigkeit ihres Verlaufs und ihre starke Ausrichtung auf das Stadtzentrum deuten ebenfalls auf eine zentrale Planung der Stadt hin.










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