Archäologie als (Be-)Siedlungsgeschichte

Zeitlebens hat sich Ernst Wahle von dem distanziert, was er selbst einmal ironisch als „antiquarische Kleinmalerei“ bezeichnete, dem Sammeln, Sortieren und Typologisieren des archäologischen Fundstoffes. In diese Richtung zielende Bemerkungen ziehen sich wie ein roter Faden vor allem durch seine zahlreichen Rezensionen; jeder Autor, der seiner Ansicht nach zu sehr am Material klebte, handelte sich unweigerlich kritische Bemerkungen ein, und selbst renommierte Kollegen traf das Verdikt, die eigentliche historische Auswertung unterlassen zu haben. Freilich setzte auch Wahle eine gründliche Fundkenntnis voraus; ungeachtet aller späteren Kritik blieb dies einer Punkte, die er an Kossinnas Arbeiten selten zu rühmen unterließ. Wahle selbst hat prähistorische Archäologie immer in einem sehr umfassenden Sinn als Geschichte des Menschen in Auseinandersetzung mit der ihn umgebenden Landschaft verstanden, als Teil der Geschichtswissenschaft, in der „die Fundstücke nur Mittel zum Zweck sind“.
Zum Prähistoriker geworden in einer Zeit, in der die typischen Vertreter des Faches noch aus den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen hervorgegangen waren, bei einem Geographen promoviert und habilitiert, war ihm die Nähe zu den benachbarten Naturwissenschaften gewissermaßen in die akademische Wiege gelegt. Boden, Klima und Vegetation waren für ihn dem archäologischen Fund gleichwertige Quellen. In seiner als „prähistorisch-geographischer Versuch“ untertitelten Dissertation nimmt die Darstellung der Landschaftsgenese und der Umweltbedingungen breitesten Raum ein, der deutlich schmalere archäologische Abschnitt behandelt Siedlungsgebiete, Wirtschaftsweise und Kultur der Indogermanen. Inhaltlich und methodisch steht er hier erkennbar unter dem Einfluss vorhergehender Arbeiten Kossinnas und knüpft an die damals sehr intensiv geführte Debatte um die Herkunft der Indogermanen an. Wahles Habilitationsschrift ist die dann wohl erste archäologische Auseinandersetzung mit der (heute überholten) „Steppenheidetheorie“ Robert Gradmanns, die Wahle insoweit modifizierte, als er Rodungsvorgänge ab den Metallzeiten nachweisen konnte. Mit der Arbeit Gradmanns hatte er sich schon unmittelbar nach seiner Promotion in einer umfangreichen Besprechung auseinandergesetzt; worauf seine eigene Forschung dieser Jahre abzielte, hat er selbst vielleicht am besten unter dem Eintrag beschrieben, den er 1924 für Max Eberts Reallexikon verfasste: „Vorgeschichtliche Anthropogeographie“.
Steht in den beiden erwähnten Arbeiten, aber auch in verschiedenen Aufsätzen dieser Jahre zweifelsohne die Landschaft im Mittelpunkt der Darstellung, verlagern sich in der Folgezeit die Schwerpunkte. In seinen beiden großen Monographien „Vorgeschichte des deutschen Volkes“ von 1924 und „Deutsche Vorzeit“ von 1932 ist die Akzentverschiebung bereits am Titel ablesbar. Die nach Epochen gegliederte Darstellung gewinnt an historischer Tiefe, der Schritt vom prähistorischen Siedlungsgeographen zum Historiker der Vorzeit ist vollzogen, gesucht wird der Bezug in die jüngere Vergangenheit, und erkennbar wird nun auch ein Publikum angesprochen, das über Fachkreise hinausreicht. Gleichwohl unterscheiden sich beide Bücher nicht unwesentlich. Dominiert im ersten Buch noch ein primär kulturgeschichtlicher Ansatz, der der Beschreibung von Wirtschafts-, Lebens- und Siedlungsverhältnissen breiten Raum gibt, rücken 1932 die Kulturgruppen und Völker in das Zentrum der Betrachtung. Dass beide deckungsgleich sind, daran lässt der Verfasser keinen Zweifel, mit der Bronzezeit werden ohnehin fast nur noch die historischen Völkernamen gebraucht. Völker sind die historisch handelnden Akteure, die Vorgeschichte stellt sich dar als eine Geschichte von Wanderungsbewegungen, von Expansion und Verdrängung; unter diesen Vorzeichen ist Kulturwandel das Resultat eines Bevölkerungsaustausches. Die „Vergrößerung des germanischen Siedlungsraumes“, so gewissermaßen das historische Fazit, sei „die wesentliche Tatsache in der Bevölkerungsgeschichte Mitteleuropas während der letzten zwei Jahrtausende v. Chr.“ Andere Aspekte werden zwar nicht vernachlässigt, doch tritt ihr Anteil zurück.
Auch in Fachkreisen stieß diese Art der Darstellung aus der Feder eines ausgewiesenen Prähistorikers keineswegs auf ungeteilte Zustimmung, allerdings monierte man mehr die allzu knappe Abhandlung des archäologischen Fundstoffes. Obgleich er sich dessen ideologische Schlussfolgerungen nicht zu eigen machte, erstaunt im Rückblick allerdings, wie unkritisch gerade dieser Autor hier noch auf den Spuren der Kossinna’schen „Siedlungsarchäologie“ wandelt. Man kann das Ergebnis vielleicht als Volksgeschichtsschreibung mit archäologischen Mitteln bezeichnen, jedenfalls blieb Wahle seinem Verständnis vom Fach als historischer Wissenschaft treu, und wohl richtig sah er auch, dass die prähistorische Archäologie an den Universitäten kaum je würde reüssieren können, beließ sie es bei sterilen Typochronologien. Vergleicht man die Arbeit von 1932, oder auch sein im Grundtenor ähnliches Büchlein über die „Vorzeit am Oberrhein“ von 1937 mit der bereits erwähnten Akademieschrift von 1941, wird der große Schritt deutlich, den sein Verfasser hier vollzogen hat. Indem er selber einräumte, dass das gängige, allzu simplifizierende Modell des Kulturwandels allenfalls eingeschränkt greift, verabschiedete er sich nicht nur von eigenen Überzeugungen, sondern leistete zugleich einen wichtigen Beitrag zur Methodendiskussion seines Faches.
Geschichte als Geschichte von Völkern - in mancherlei Hinsicht erweist sich Wahle als spätes Kind des Historismus, und bezeichnenderweise hat er es wiederholt bedauert, dass es nicht möglich sei, Einzelpersönlichkeiten im archäologischen Befund zu fassen. Auch sein Streben nach einer objektiven, quellennahen und von tagespolitischen Einflüssen freien Wissenschaft ist wohl aus derselben Haltung heraus erwachsen.

Von der Akademieschrift von 1941 einmal abgesehen, werden Wahles von ihm selbst so verstandene Hauptwerke heute kaum mehr rezipiert. Sie sind, was angesichts ihrer Entstehungszeit wenig verwunderlich ist, mittlerweile sachlich überholt. Der spezifische Ansatz, Vorgeschichte im Stile der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts zu betreiben, hat sich als Sackgasse erwiesen, wobei man nicht übersehen sollte, dass zu dieser Erkenntnis Wahle selbst einen wichtigen Beitrag geliefert hat. Insofern ist aber seine eigentliche Leistung schwer und allenfalls indirekt zu fassen, zumal es bislang keine eigentliche Wissenschaftsgeschichte des Faches gibt. Hinzu kommt, dass Wahle keine „Schule“ gebildet hat, und ihm für eigene Forschungsvorhaben Mittel und Zeit fehlten. Zweifelsohne hat er aber den Verwissenschaftlichungsprozeß einer zunächst vornehmlich deskriptiv arbeitenden „Germanischen Altertumswissenschaft“ in erheblichem Maße mitgestaltet und ihr damit den Weg zur akademischen Disziplin geebnet. Mit dem Namen Wahles verbinden sich aber auch frühe Ansätze dessen, was heute unter dem Stichwort Siedlungs- oder Landschaftsarchäologie firmiert; obgleich er seine darauf abzielenden Arbeiten aus den genannten Gründen selbst nicht fortsetzten und vertiefen konnte, gehört er dennoch zu den Pionieren der prähistorischen Archäologie auf diesem Gebiet. (Christian Gildhoff)










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