Prähistorie und Politik

Als konservativ wird Ernst Wahle von Freunden und Weggefährten beschrieben, und allseits werden ihm preußische Tugenden nachgesagt, sofern man darunter im positiven Sinn ein eher zurückhaltendes Auftreten, Korrektheit und ein gewisse sachliche Nüchternheit verstehen möchte. Zweifelsohne prägte ihn das wilhelminische Deutschland, an dessen Ende er schon im 30. Lebensjahr stand, in Haltung und Einstellung. Damit wäre er aber nur unzureichend charakterisiert, war er doch keineswegs nur der kaisertreue und nationalstolze, zur Pflichterfüllung erzogene Beamtensohn.
Beeinflusst durch das Elternhaus, bewegte er sich vielmehr am äußersten rechten Rand des politischen Spektrums. Bereits der Vater war Mitglied verschiedener nationalistischer Verbände; Ernst Wahle trat dem radikal antisemitischen Deutschvölkischen Studentenverband bei, war unter anderem Mitglied des Alldeutschen Verbandes (1916-1925) und der Deutschnationalen Volkspartei (1919-1926). Auch die anfängliche Nähe zu Gustaf Kossinna und der Eintritt in dessen „Deutsche Gesellschaft für Vorgeschichte“ (seit 1913: Gesellschaft für deutsche Vorgeschichte) dürfte maßgeblich durch die von Kossinna propagierte „nationale Vorgeschichte“ bestimmt gewesen sein, die unmittelbar auf die völkischen Kreise des Kaiserreiches zielte. Angesichts dieser Vorgeschichte ist es kaum verwunderlich, dass Wahle nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 nicht zum Anhänger der Republik wurde. Vielmehr findet man ihn in demokratiefeindlichen akademischen Zirkeln; selbst in der vergleichsweise eher liberalen Heidelberger Universität war er damit aber keine Ausnahme. Die bissige Bemerkung des zeitweilig ebenfalls in Heidelberg lehrenden Ernst Troeltsch, dass in Deutschland wissenschaftliche Bedeutung mit politischer Intelligenz offenbar wenig zu tun habe, könnte auch auf ihn gemünzt sein. Im Gegensatz zu anderen, bei denen eine zunehmende Radikalisierung festzustellen ist, lassen Wahles Publikationen aber durchaus eine Mäßigung erkennen; an der in Folge des Versailler Vertrages so ausgiebig geführten „Volksboden- und Grenzlandforschung“ beteiligte er sich nicht. Dem völkischen Milieu mit seinem offenkundigen Obskurantismus erteilte er nunmehr eine unmissverständliche Absage. Dies wird besonders deutlich in der Abnabelung von seinem früheren Mentor Kossinna.
Ab Mitte der 20er Jahre wird in Wahles Besprechungen von dessen Büchern ein zunehmend kritischer, oft sogar scharf ablehnender Ton hörbar. Wahle beanstandete insbesondere die penetrante Germanenideologie, die externe Einflüsse aus dem Mittelmeerraum oder Südosteuropa schlicht ausblende und ein einseitiges und verzerrtes Bild liefere und nur den unkritischen Leser bediene, der sich an der Vergangenheit berauschen wolle. Nicht entgehen konnte ihm auch, dass der mehrfach seine Positionen wechselnde Kossinna seine jeweils letzten Überzeugungen in demselben apodiktischen Tonfall vortrug wie schon die vorangehenden. Wie ein roter Faden zieht sich schließlich durch alle Besprechungen das Insistieren auf eine verlässliche Quellenbasis, und er erhob entschiedenen Widerspruch, wenn er den Eindruck hatte, Wissenschaft werde auf der Grundlage von Weltanschauungen betrieben. Natürlich war auch Wahle in seinen Themen und Fragestellungen zeitgebunden, und seine Sprache erscheint heute antiquiert.

Einen höchst zwiespältigen Eindruck hinterlassen seine Stellungnahme zu der in den 20er Jahren immer stärker auflebenden „Rassenkunde“. Persönlich geprägt durch ein szientistisches Zeitalter, hatte Wahle als Student in Berlin bei Felix von Luschan Anthropologie gehört, spürbar ist die Faszination, die der Gegenstand auf den immer schon sehr historisch Denkenden ausübte, der hier offenkundig die Chance sah, auf naturwissenschaftlichem Wege dem Menschen hinter den Artefakten nachzuspüren. Nicht zu vergessen ist dabei die forschungsgeschichtlich bedingte Verbindung von prähistorischer Archäologie und Anthropologie, insbesondere auch zur Kraniologie („Schädelvermessung“), schließlich war eine der Wurzeln des Faches die Beschäftigung mit frühen Hominidenresten wie denen des Neandertalers. Auf der anderen Seite tummelten sich auf dem weiten Felde der „Rassenkunde“ nicht eben wenige Spinner, die mit wenig Sachverstand, aber umso lauterem publizistischem Getöse auftraten. Diese Ambivalenz ist beispielhaft ablesbar an Wahles Urteilen über Hans K. F. Günthers („Rassen-Günther“) Buch „Rassenkunde des deutschen Volkes“, auf das er frühzeitig aufmerksam wurde, und dessen verschiedene Auflagen er mehrfach rezensierte. Wahle lobte Stil und Gliederung, das Buch fülle „eine empfindliche Lücke“, es böte „zahlreiche gute Anregungen“, monierte aber andererseits „gewagte Kombinationen“ und „Einseitigkeiten der Betrachtungsweise“, um dann nüchtern zu konstatieren, dass „ihre wissenschaftlichen Grundlagen alles andere als genügend sind“ (1924; 1926; 1927). Die Trennlinie zum Rassismus wahrte er haarscharf: „Es muß im Augenblick noch dahingestellt bleiben, ob die Gesamteinstellung des Verf. richtig ist, welche die Eigenschaften der Rassen nicht als das Ergebnis einer Entwicklung aufzufassen sucht, sondern als etwas Gegebenes“ (1924). Wie ein im Jahr darauf verfasster Beitrag für eine „rassenkundliches“ Handbuch zeigt, erhoffte sich Wahle zwar Erkenntnisse aus bei der Zusammenarbeit beider Fächer, betonte aber vor allem die bestehenden Schwierigkeiten. Gleichzeitig fungierte er jedoch als Mitherausgeber von Zeitschriften wie „Volk und Rasse“ (1926-1933) und der „Zeitschrift für Rassenkunde“ (1935-1938), die selbstverständlich auch „Rassenhygienikern“ und anderen Rassenideologen ein Forum boten. In einem solchen Kontext muss natürlich das von Wahle gepflegte Selbstverständnis einer apolitischen, allein objektiver Erkenntnis verpflichteten Wissenschaft bestenfalls illusionär sein. Diesem Anspruch, dem er für seine Person sehr wohl nachzukommen suchte, macht es aber andererseits nicht einfach, Wahles Einstellung zum Nationalsozialismus allein aus wissenschaftlichen Publikationen abzuleiten. Schwerer wiegen hier seine Aktivitäten: Der Umstand, dass er „erst“ 1937 der NSDAP beigetreten ist, ist dabei nicht wirklich entlastend, galt doch aufgrund des großen Andrangs ab dem 1. Mai 1933 ein Aufnahmestopp. Da fällt schon stärker ins Gewicht, dass er bereits im Dezember 1933 Mitglied des NS-Lehrerbundes wurde und zu dessen monatlich erscheinendem Organ „Deutsches Bildungswesen“ bis 1936 insgesamt 33 Aufsätze und Rezensionen beisteuerte. „Innerer Widerstand“ sieht gewiss anders aus, zumal unter dem Blickwinkel seiner Gegnerschaft zur Weimarer Verfassung. Und bei Bedarf erwies sich Wahle durchaus als flexibel: Nach 1933 offiziell zum Altmeister der deutschen Archäologie erhoben, erhielt Kossinna eine unsäglich verklärenden Biographie aus der Feder eines Fachkollegen, die Wahle mit den Worten rühmte, hier erfahre der „wenig verstanden(e), schlecht behandelt(e) und vielgeschmäht(e)“ Kossinna endlich eine gerechte Bewertung. Eine recht erstaunliche Kehrtwende vor dem Hintergrund früherer Urteile!
Andererseits handelt er in einem mit „Der germanische Führer“ betitelten Aufsatz von 1935 das Thema nicht nur sachlich und ohne jede verbale Anbiederung ab, sondern es fließen auch unerwartete Bemerkungen ein: Bei den Germanen sei der Führer nur auf Zeit bestimmt gewesen und trete neben den König; im Jahr nach Hindenburgs Tod und der Vereinigung der Ämter des Reichskanzlers und -präsidenten in der Hand Hitlers durchaus eine Aussage, die es in sich hatte. Schon im Jahr zuvor konnte Wahles Buch „Deutsche Vorzeit“ erst nach einigen Beanstandungen veröffentlicht werden, nicht seiner politischen Aussagen wegen, sondern weil bestimmte fachliche Auffassungen nicht mehr genehm waren. Auch bei zwei weiteren Publikationen erwies sich Wahle politisch motivierten Änderungswünschen gegenüber als recht renitent.
1941 erschien dann die Abhandlung, die ihn innerhalb des Faches berühmt machen sollte und eine lang anhaltende, bis heute nicht wirklich abgeschlossene Diskussion nach sich zog: „Zur ethnischen Deutung frühgeschichtlicher Kulturprovinzen“. In deutlicher Abkehr von Kossinnas auch international rezipierter „siedlungsgeschichtlicher Methode“ wies Wahle nach, dass Kulturkreis und Volk sich keineswegs immer deckten und die schematische Anwendung zu falschen Ergebnissen führen müsse. Indes wurden die Kossinnaschen Dogmen nicht nur von zahlreichen Fachkollegen geteilt, sondern waren, zur Allgemeingültigkeit erhoben, auch Teil des offiziellen NS-Geschichtsbildes, zu dessen Kernbestand die Überlegenheit der „nordischen Rasse“ gehörte. Obwohl Wahle sich sachlich auf sein Thema beschränkte, schloss die Kritik an Kossinnas Methode implizit dessen gesamtes Lehrgebäude mit ein und konnte damit auch als Kritik an diesem Geschichtsbild gelesen werden. Bemerkenswert an Wahles Arbeit ist nicht nur der von ihm angestoßene Paradigmenwechsel, sondern auch der Zeitpunkt und der Umstand, dass er der einzige war, der eine solche Diskussion anstieß.
Angesichts dieser Konstellation fällt es nicht leicht, die Gemengelage von politischen und wissenschaftlichen Überzeugungen, Neigungen und Aversionen, und dies alles grundiert von handfesten sachlichen Interessen, auf einen Nenner zu bringen. Letzteres ist noch verhältnismäßig einfach, ist doch die Ausgangslage anhand seines im akademischen Milieu eher peripher angesiedelten Faches und damit seine eigene Stellung offenkundig. Wahles Hochschullaufbahn wird begleitet von einer langjährigen, vor allem auf bürokratischem Wege ausgetragenen Auseinandersetzung um die Etablierung seines Faches als vollwertige akademische Disziplin. Berechtigterweise durfte er sich daher von der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der damit einhergehenden Wertschätzung der „germanischen“ Vorgeschichte Hoffnung auf Verbesserungen machen. Ob er diese auch persönlich begrüßte, ist mit letzter Sicherheit kaum zu entscheiden; für eine Gegnerschaft jedenfalls war er aufgrund seiner Sozialisation zunächst alles andere als prädestiniert. Andererseits schützte ihn gegen die vollständige weltanschauliche Vereinnahmung, neben seinem persönlichen, ein wenig zur Sperrigkeit neigenden Naturell, vor allem sein wissenschaftlicher Anspruch, dem die Brüchigkeit und Fragwürdigkeit der offiziellen NS-Ideologie kaum entgangen sein kann. Auch war er nicht Karrierist genug, um seine Überzeugungen nötigenfalls hinter sich zu lassen. Seine Mitwirkungsbereitschaft in den ersten Jahren, erleichtert vielleicht auch durch anfängliche Zustimmung, dürfte sich daher aus mehreren Motiven gespeist haben. Zweifelsohne war er bestrebt, das neu erwachte, nun auch offiziell geförderte Interesse an der Vorgeschichte für sich selbst und die Heidelberger Lehrstätte zunutze zu machen, zumal ihm die Popularisierung des Faches ein echtes Anliegen war. Vorübergehend mag sich Wahle tatsächlich der Illusion hingegeben haben, Aufklärungsarbeit im Sinne einer sachorientierten Auseinandersetzung mit dem Thema leisten zu können.
Die Einsicht, dass den neuen Machthabern und ihrem germanomanen Anhang aber genau daran wenig gelegen war, muss ihm aber schon relativ bald gekommen sein. Ernüchtert haben dürfte ihn die am eigenen Leib erfahrene Zensur, die Mitherausgeberschaft an „Volk und Rasse“ und die Arbeit für das „Deutsche Bildungswesen“ gab er auf, als beide Organe unter Parteikuratel gestellt wurden. Ein Vortrag, den er 1939 hielt, war eine einzige Warnung vor einer nationalen Instrumentalisierung der Vorgeschichte und vor verordneten Geschichtsbildern und mündete in ein Plädoyer für eine ideologiefreie Wissenschaft. Sicherlich ist Wahle vor 1945 nicht zum Anhänger der parlamentarisch-repräsentativem Demokratie geworden, doch sind Wandlungen seines Weltbildes unübersehbar. Bei allem, was man an seiner politischen Haltung und dem Inhalt seiner wissenschaftlichen Arbeit beanstanden mag, er gehörte weder zu den ideologischen Wegbereitern noch zu denjenigen, die ihre Wissenschaft bereitwillig einem mörderischen Regime andienten. (Christian Gildhoff)










Seite drucken