Gemmensammlung Stosch

 

Johann Joachim Winckelmann, der 1717 in Stendal geboren wurde und ab 1763 als Präsident aller Altertümer in und um Rom wirkte, hat nicht nur die archäologische Forschung als Wissenschaft grundlegend geprägt, sondern sein Antikenbild hat darüber hinaus die Literatur der deutschen Klassik und die europäische Kunst nachhaltig beeinflußt.

In der Geburtsstadt des Gelehrten wurde am 8. Dezember 1940 die Winckelmann-Gesellschaft gegründet. Sie ist heute eine internationale Gesellschaft von über 600 Mitgliedern aus mehr als 20 Ländern. In ihrer Satzung hat sie sich zum Ziel gesetzt, "die internationalen Forschungen zum Leben, Werk und Wirken Johann Joachim Winckelmanns zu unterstützen" und "die mit seinem Wirken zusammenhängenden Disziplinen der Klassischen Archäologie, der Kunstwissenschaft und der Germanistik zur Erschließung der Wissenschaftsgeschichte des 18. Jahrhunderts zusammenzuführen". Seit Mai 2000 ist sie Träger des Winckelmann-Museums.

Dem europäischen gelehrten und bürgerlichen Publikum des 17. und 18. Jahrhunderts, das nicht in der Lage war, Italien zu bereisen, wurde die bildliche Welt der Antike erst durch Abbildungen, Abdrücke und Kopien bekannt. Eine besonders wichtige Rolle bei der Vermittlung spielten hierbei die Gemmen, die in umfangreichen Sammlungen von Abdrücken in Schwefel, Gips, Porzellan und anderen im 18. Jh. eigens entwickelten neuen Materialien relativ leicht zur Verfügung gestellt werden konnten.

Sie boten reiches Anschauungsmaterial zu den mythologischen und historischen Gestalten, den religiösen Bräuchen und zur antiken Lebensweise. In den Schulen wurde anhand solcher Abdrucksammlungen Mythologie und Alte Geschichte gelehrt, und ganze Generationen bezogen ihre Altertumskenntnis aus diesen Daktyliotheken, die sich auch hervorragend eigneten, antike Texte zu illustrieren. Eine Bearbeitung der vom 17. bis 19. Jh. in Stichwerken und Daktyliotheken erfassten Gemmen ist daher ein überaus lohnenswertes Unterfangen.

 

Projektbeschreibung

Eine der bekannteren dieser Daktyliotheken ist jene des Barons Philipp von Stosch. 1691 in der Neumark geboren und 1757 in Florenz gestorben, war er ein Zeitgenosse Winckelmanns und wie dieser von der klassischen Antike begeistert. Nach einem abgebrochenem Theologie-Studium reiste Stosch durch Europa, bis er zunächst nach Rom zog und sich auf das Sammeln von Gemmen bzw. deren Abdrücke konzentrierte. 1724 brachte er zu diesem Thema das Buch „Gemmae antiquae caelatae scalptorum nominibus insignitae“ heraus, in dem er 70 ausgewählte Gemmen mit Meistersignaturen veröffentlichte. Die in seinem Auftrag erstellten Stiche stellten das Äußerste der Präzision der damaligen Zeit dar. 1731 verließ er Rom, um bis zu seinem Tod in Florenz zu bleiben. Dort vergrößerte er seine Gemmensammlung und erwarb dort unter anderem 1755 den sogenannten „Stosch’schen Stein“, ein Skarabäus mit einer Darstellung von fünf der sieben Helden, die gegen Theben auszogen. Als Baron von Stosch 1757 verstarb, war sein letzter Wunsch, dass niemand anderes als Johann Joachim Winckelmann seine enorme Gemmensammlung publizieren möge.

Dieser Bitte kam er gerne nach und veröffentlichte bereits 1760 die „Description des Pierres gravées du feu Baron de Stosch“.

Im Rahmen des Projekts soll eben jene Stosch'sche Gemmensammlung, bestehend aus 3444 Intaglien und damit die größte, die jemals zusammengebracht worden war, mit der digitalisierten Literatur verknüpft werden. Die meisten der Stosch’schen Steine dürften in den thematisch einschlägigen Gemmen-Stichwerken des 17. und 18. Jahrhunderts abgebildet sein. Sie bieten sich für eine wissenschaftliche Fallstudie an, in der der Wandel des Antikenverständnisses von Barock, Aufklärung und Klassizismus anschaulich wird, und es ließen sich Einblicke in die Kultur- und Kunstgeschichte des modernen Europa gewinnen. Sie mit den Gemmen-Stichwerken des 16. bis 18. Jahrhunderts zu verbinden, lassen die Wege ihrer Rezeption erkennen und liefern Erkenntnisse zu den ehemaligen Aufbewahrungsorten und zur Sammlungsgeschichte. So wird es möglich, die Stoschsche Gemmensammlung, die Winckelmann 1760 ohne Abbildungen beschrieb und die später in den Besitz Friedrichs II. gelangte, zum Ausgangspunkt zu nehmen und deren Schicksal an den einzelnen Stücken zu verfolgen. In dem Stendaler Projektteil wird die direkte Objektkontextualisierung vorgenommen: Der katalogartig geordnete Winckelmanntext wird mit den vorhandenen Objektscans verbunden.

Dabei ist die beispielhafte Inventarisierung der Gemmen von besonderem Vorteil, da nach dieser Nummerierung jedes Stück leicht erfasst und die entsprechenden Daten mit den Angaben aus neueren Werken, wie etwa die „Beschreibung der geschnittenen Steine im Antiquarium“ von Adolf Furtwängler, erweitert werden kann. Dadurch werden zu jedem einzelnen der 3444 Steine archäologisch relevante und z. T. noch zu ermittelnde moderne Daten angegeben. Beides, d.h. sowohl die „Description“ Winckelmanns wie auch die Objekte, werden dann mit den Stichen aus ca. 70 Stichwerken des 17. und frühen 18. Jh. verknüpft. Zudem soll das Werk des Begründers der Klassischen Archäologie und Kunstgeschichte für die mediale Welt erschlossen werden. Dazu werden sukzessive alle Schriften Winckelmanns in den Originalausgaben digital und im Volltext in Arachne präsentiert, in ZENON DAI bibliographisch erfasst und in das Themenportal eingestellt werden.