In Erinnerung an Dr. Julian Köck

Am 19. Januar 2023 ist Dr. Julian Köck im Alter von 37 Jahren in Flensburg verstorben. Seit seiner frühen Jugend war er wegen einer fortschreitenden Erkrankung an den Rollstuhl gefesselt. Tapfer und klaglos hat er dieses Los getragen, und trotz der vielfältigen Einschränkungen, die sein Leben zunehmend prägten, hat er als Wissenschaftler Großes geleistet. Alle, die ihn näher kannten, waren von seiner intellektuellen Unabhängigkeit und seiner analytischen Schärfe beeindruckt. Seine klugen Kommentare wurden ebenso geschätzt wie seine ironischen Bemerkungen. Und er bewegte die Herzen der Menschen durch seine außerordentliche Hilfsbereitschaft und sein feines Einfühlungsvermögen.

Julian Köck wurde am 5. Dezember 1985 in Mannheim geboren. Nach dem Besuch des Humanistischen Karl-Friedrich-Gymnasiums in seiner Heimatstadt, das er 2005 mit dem Großen Latinum und dem Graecum verließ, studierte er an der Universität Mannheim Geschichte und Philosophie und war als Tutor und wissenschaftliche Hilfskraft in der Alten Geschichte tätig; das Bachelor- und das Masterexamen schloss er jeweils mit der Bestnote ab. Während der Zeit seines Studiums engagierte er sich auch als Dozent im Seniorenstudium der Universität Mannheim und war freier Mitarbeiter des Mannheimer Altertumsvereins und der Hambach-Gesellschaft.

2011 begann Julian Köck ein von der Studienstiftung des deutschen Volkes ermöglichtes Promotionsstudium an der Universität Bern. Die Dissertation zum Thema „,Die Geschichte hat immer Recht‘ – Die Völkische Bewegung im Spiegel ihrer Geschichtsbilder“, die von Stefan Rebenich an der Universität Bern und von Uwe Puschner von der Freien Universität Berlin betreut wurde, erzielte das höchste Prädikat, wurde 2014 mit dem Preis des Historischen Instituts der Universität Bern ausgezeichnet und konnte schon im folgenden Jahr in der renommierten Reihe „Historische Studien“ des Frankfurter Campus-Verlags veröffentlicht werden.

Die Studie, die auf umfassender Quellenkenntnis beruht, ist, wie Uwe Puschner, der beste Kenner der Materie, in seinem Gutachten festhielt, „der erste umfassende und profunde Beitrag über die Paradigmen, Methoden und Themen der völkischen Geschichtsideologie und über den ‚Ort‘ von Geschichte in der völkischen Weltanschauung“. Julian Köcks Arbeit trägt entscheidend „zum Verständnis der komplexen völkischen Weltanschauung und deren Wirkungsmechanismen“ bei, und sie bleibt für die künftige Forschung „ein grundlegender Beitrag für die ideologiegeschichtliche Historisierung der völkischen Bewegung“. Angesichts ihrer Bedeutung nimmt es nicht wunder, dass die Dissertation in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zur Kenntnis genommen wurde: eine in der heutigen, schnelllebigen Zeit seltene Auszeichnung für die erste akademische Qualifikationsschrift! Das Buch wäre der Einstieg in eine akademische Karriere gewesen, hätte die Krankheit dem jungen vielversprechenden Historiker diesen Weg nicht verstellt.

Seit dem Abschluss seiner Promotion war Julian Köck assoziierter Forscher am Historischen Institut der Universität Bern; hier wirkte er zeitweise auch als Lehrbeauftragter. Von Mai 2017 bis Ende 2021 war er als Wissenschaftlicher Angestellter der Universitätsbibliothek Heidelberg tätig, wo er das von Stefan Rebenich geleitete und von der Fritz Thyssen Stiftung finanzierte Projekt „Profession und Familie im gelehrten Milieu des Kaiserreichs. Die Familien Mommsen und von Wilamowitz-Moellendorff“ durchführte und für die digitale Edition der Familienkorrespondenzen verantwortlich zeichnete. In diesem Zeitraum hat er Aberhunderte von Briefen sorgfältig transkribiert, ediert und kommentiert und damit eindrücklich bestätigt, dass er auch Kärrnerarbeit zu leisten verstand. Er hat mit ungeheurer Disziplin und mit umfassenden Kenntnissen und in enger Kooperation mit der Universitätsbibliothek Heidelberg eine zukunftweisende Online-Edition vorgelegt. In größeren Aufsätzen hat er eine erste Bilanz der Editionsarbeit gezogen und zugleich die Bedeutung der Briefwechsel als herausragende Quelle für die Kultur-, Bildungs-, Geschlechter- und Sozialgeschichte des deutschen Kaiserreichs mustergültig aufgezeigt.

Julian Köck war ein leidenschaftlicher Lehrer, der die Begeisterung für sein Fach weitergeben wollte und souverän Gegenstände von der klassischen Antike bis in die Zeitgeschichte vermitteln konnte. Vielleicht hat es ihn am meisten geschmerzt, dass seine Krankheit ihn zusehends daran hinderte, in Forschung und Lehre gleichermaßen wirken zu können. Sein Wissen hat er uneigennützig geteilt, Fragen begegnete er immer offen, und seine intellektuelle Neugier war ansteckend. Von seiner Großzügigkeit, seiner Herzlichkeit und seiner Anteilnahme profitierten nicht nur seine Studenten, sondern auch seine Kollegen. Er war immer für andere da, die ihn um Rat und Hilfe baten.

Es bleibt, den homo politicus zu würdigen. Pointiert begleitete er als wacher Bürger in unterschiedlichen Medien die Entwicklungen unserer Zeit, widmete sich sicherheitspolitischen Fragen und scheute vor klaren Aussagen nicht zurück. Wenige Monate nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine erklärte er in einem digitalen Journal die deutsche Ostpolitik für gescheitert, kritisierte das zögerliche Taktieren der Berliner Koalition und appellierte nachdrücklich für die militärische Unterstützung des überfallenen Landes im Osten Europas. Seine Beiträge überzeugen inhaltlich durch historische Tiefenschärfe und politischen Weitblick sowie formal durch ihre sprachliche und stilistische Qualität, die das journalistische Talent des Verfassers verrät.

Wir werden diesen wunderbaren Menschen und begabten Wissenschaftler vermissen, dem das Schicksal nicht gnädig war. Er bleibt in der Erinnerung seiner Familie, seiner Freunde und seiner Kollegen lebendig. Seine Leistungen als Historiker und Editor werden auch in Zukunft nicht vergessen werden und seinen Namen bewahren.

 

Prof. Dr. Stefan Rebenich

Bern, 10. März 2023